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Seelische Störungen erkennen, verstehen, verhindern, behandeln

 

ZWANGSSTÖRUNGEN – ZWANGSKRANKHEITEN – ZWANGSNEUROSE

 

Fast jeder kennt harmlose Zwänge aus dem Alltag. Manchmal sind sie sogar

nützlich. Doch Zwangsstörungen, Zwangserkrankungen oder - wie man es frü-

her nannte - eine Zwangsneurose können das Leben zur Hölle machen. Dabei

sind die meisten Betroffenen gar nicht als Zwangskranke erkennbar, fallen

lange nicht einmal im engeren Freundeskreis auf. Und das, obgleich diese

Störung eine unheilvolle Konsequenz hat: Zuerst wird die Lebensqualität be-

einträchtigt, dann folgen Probleme in Partnerschaft, Familie, Beruf; zuletzt

drohen Rückzug und Isolation.

Was muss man wissen, was kann man tun?

Allgemeine Aspekte

Alltägliche Zwänge

Fast jeder kennt sie, die harmlosen Alltagszwänge. Sie können durchaus hilf-

reich sein, vor allem dort, wo es auf unbedingte Exaktheit ankommt. Auch

kann man damit Kräfte sparen, weil alles „wie auf Schienen läuft“. Schließlich

besteht das halbe Berufsleben aus Zwängen, und zuhause, in der Freizeit und

sogar im Urlaub sieht das nicht viel anders aus. Zwänge, so scheint es, 

bestimmen unser Leben. Sie machen aber auch einen geordneten Ablauf erst

möglich. Zwang ist also keineswegs etwas grundsätzlich Unvernünftiges, Be-

hinderndes oder gar Krankhaftes.

Daneben gibt es harmlose Formen des Zwangs, die allerdings „grenzwertig“

zu werden beginnen: Manche erledigen ihre Aufgaben immer nach der

gleichen Reihenfolge. Wenn das nicht geht, geraten sie aus dem Tritt, sind

verunsichert oder verärgert, zumindest leidet die Gelassenheit, wenn nicht gar

Effektivität.

Andere kontrollieren mehr als nötig, sei es Haustür, Herd, Licht usw. Einige

„schätzen halt Ordnung und Sauberkeit“, sei es im Haushalt, sei es am

Arbeitsplatz. Ihrer Arbeit tut das eher gut, auch wenn sie gelegentlich belächelt

oder als „pingelig“ bezeichnet werden. Gelegentlich fallen auch schon hier

Begriffe wie „krankhaft genau“ oder „zwanghaft“. Das muss aber noch nicht

der Fall sein. Wieder andere hüten sich vor Unglückszahlen und bestimmten

Konstellationen im Alltag, über die sie zwar nicht oder nur ungern reden und

an die sie auch nicht zwanghaft gebunden sind, aber wohlfühlen tun sie sich

nicht, wenn sie ihre kleinen „Vorsichtsmaßnahmen“ nicht durchziehen können.

Manche „denken zuviel“, leider letztlich ineffektiv, weil immer dasselbe, und

zwar ohne Sinn, Zweck und damit Lösung. Einige sorgen sich zuviel, nicht

ganz abwegig zwar, aber letztlich ohne etwas ändern zu können. Wieder

andere sind sogar „überängstlich“ und müssen mehr als andere darüber nach-

sinnen, ob nicht etwas Schreckliches passiert sein könnte, wo doch die ganze

Welt voller Gefahren und Katastrophen ist. Einige haben sogar aggressive

Gedanken oder Wünsche, aber völlig vereinnahmt werden sie davon nicht.

Vor allem hat das alles keine ernsteren Auswirkungen  auf Lebensqualität,

zwischenmenschliche Beziehungen, Arbeitsleistung und auf ihr sogenanntes

Zeitkontingent, einen Aspekt, auf den noch ausführlich eingegangen werden

soll. Denn Zwänge kosten Zeit. Auf jeden Fall ist dies aber der Punkt, bei dem

sich die Grenze zum Krankhaften abzuzeichnen beginnt.

Was sind Zwangsstörungen?

Zwangsstörungen oder Zwangskrankheiten sind also kein „zwanghaftes

Verhalten“, wie man es häufig beobachten und auch noch tolerieren kann, ggf.

sogar an sich selber. Zwangsstörungen sind eine extreme Steigerung relativ

harmloser Gedanken und Handlungen mit entsprechenden Folgen: Sie erzeu-

gen wachsenden Leidensdruck, sind zeitraubend, zermürbend, beschämend,

seelisch beeinträchtigend, schließlich sogar körperlich belastend. Und sie kön-

nen ein Leben vor allem zwischenmenschlich und beruflich ruinieren.

Zwänge sind alles beherrschende Erlebnisse. Sie werden vom Betroffenen

zwar als unsinnig oder zumindest unangemessen erkannt - aber man ist

machtlos gegen sie.

Die Zwangsstörung tritt letztlich in der gleichen Form auf wie die harmlosen

Alltagszwänge der Gesunden, nur eben das Leben absorbierend bis verskla-

vend durch Ordnungs-, Wasch-, Kontroll- und andere Zwänge, durch zwang-

hafte Befürchtungen und rituelle Handlungen (Ritual: Gesten, Handlungen

oder Sätze nach einem festgelegten Ablauf bzw. einer bestimmten Ordnung).

Zwangsstörungen entwickeln sich in der Regel schleichend, manchmal auf-

grund eines bestimmten Auslösers, auf jeden Fall aber lange unerkannt,

manchmal sogar für nahe Angehörige. Denn die Betroffenen neigen zur Ver-

heimlichung ihres Problems, aus Scham, Resignation und Hoffnungslosigkeit.

Selbst heute finden sich viele Menschen, die mit Zwangsstörungen zu

kämpfen haben, erst nach jahrelangem Leidensweg bei ihrem Arzt ein. Dies

nicht zuletzt deshalb, weil diese Krankheit als bisher nicht befriedigend

behandelbar galt, ja über lange Zeit überhaupt nicht ausreichend zur Kenntnis

genommen wurde.

Wie häufig sind Zwangsstörungen?

Dabei handelt es sich nach neueren Erkenntnissen nicht mehr um eine ver-

nachlässigbare   Zahl von Betroffenen, wie das früher die sogenannten

„Zwangsneurosen“ betraf. Heute spricht man von ein bis zwei, möglicherweise

sogar drei Prozent solcher Zwangskranken in der Allgemeinbevölkerung. Das

sind mehr als ein bis zwei Millionen Menschen, allein im deutschsprachigen

Bereich.

Von der geschlechtsspezifischen Verteilung her scheinen Männer wie

Frauen gleich häufig betroffen zu sein (nach einigen Untersuchungen Frauen

etwas häufiger).

Allerdings kann man inzwischen etwas dagegen tun, sowohl medikamentös

als auch psychotherapeutisch (siehe später). Wie äußern sich nun die

Symptome einer Zwangskrankheit?

Das Beschwerdebild der Zwangsstörung

Zwänge drängen sich auf beim Denken, Vorstellen, Fragen, Sprechen und

Zählen, beim Handeln und Vermeiden, beim Planen und Ausführen. In der

Mehrzahl der Fälle setzt sich das Beschwerdebild aus Zwangsgedanken

oder Zwangshandlungen zusammen, meist sogar aus beidem.

Zwänge müssen - wie erwähnt - nicht immer unsinnig sein und leichte Formen

(Licht,   Bügeleisen,   Haustür,   Wasch-   oder   Putzzwang)   sind   auch   beim

psychisch Gesunden nicht selten. Die Grenze zum Behindernden und Quälen-

den, also letztlich Krankhaften, ist meist fließend. 

Was macht dann aber das Krankhafte aus? Vor allem die hartnäckige Auf-

dringlichkeit und die Unfähigkeit, sie zu steuern oder zu unterdrücken. Im

Extremfall können Zwänge so groteske Formen annehmen, dass sie das

Leben des Betroffenen ruinieren. Denn wenn er seinen  Zwängen entrinnen

will, drohen vielfältige körperliche Reaktionen, z. B. Schweißausbruch, Zittern,

vor allem aber Angst.

Deshalb hat man die Zwangsstörungen früher auch zu den Angststörungen

gerechnet, kommt aber nach und nach zu der Erkenntnis, dass es sich um ein

eigenständiges Leiden handelt.

Zwangsgedanken 

Am häufigsten finden sich Zwangsgedanken und Zwangsvorstellungen, die

sich um Unfälle, Erkrankungen, Katastrophen oder Gewalttaten drehen und

die insbesondere nahestehende Personen bedrohen sollen. Dabei werden die

zwanghaften Befürchtungen fast bildhaft-realistisch durchlitten.

Gelegentlich drängen sich auch stereotype, also immer wieder auftretende

Sätze, Verse, Melodien oder die Vorstellung auf: „Was wäre, wenn ...“? Das

fragen sich zwar auch viele Gesunde, aber nicht unter einem vergleichbar

quälendem Wiederholungszwang. 

Manchmal zeigen die Zwangsvorstellungen auch die erwähnten aggressiven

Züge. Das äußert sich beispielsweise in dem „theoretischen Zwang“, Unan-

ständiges aussprechen oder gar ausführen zu müssen, jemanden zu be-

schimpfen, ja selbst geliebte Personen, z. B. das eigene Kind oder gar sich

selber zu verletzen oder zu töten.

Allerdings kommt es - glücklicherweise - so gut wie nie zur Ausführung dieser

Zwangsideen, nicht zur Beschimpfung und schon gar nicht zu aggressiven

Handlungen. „Zwangskranke sind Täter ohne Tat“, sagt man. Dafür leiden sie

jedoch furchtbar unter diesen, ihnen ja wesensfremden Zwängen, die natürlich

auch zu Selbstzweifeln und Selbstanklagen, zu Scham, Schuldgefühlen,

Angst und Niedergeschlagenheit führen.

Weitere, vielleicht nicht ganz so bedrohliche, aber trotzdem unangenehme

Zwangsgedanken beziehen sich auf Verschmutzung (von Reinigungs- und

Lösungsmitteln über Krankheitskeime bis zu giftigen Abfallstoffen, Strahlen,

Urin und Kot), auf sexuelle Inhalte („Verbotenes“, „Perverses“), auf religiöse

und moralische Fragen (Sünde, Gotteslästerung) usw. 

Schließlich die zwanghafte Furcht, bestimmte Dinge zu wissen, zu sagen, zu

verlieren. Oder die extreme Besorgnis über körperliche Funktionen, Störungen

oder äußerliche Veränderungen. Oder die Angst irgend etwas könnte un-

ordentlich, schief, schräg oder wie auch immer aussehen und zu entsprechen-

den Klagen Anlass geben. Den zwanghaften Befürchtungen und Sorgen sind

keine Grenzen gesetzt.

Im nachfolgenden Kasten sind noch einmal die wichtigsten Zwangsgedanken

und Zwangsvorstellungen zusammengefasst, wie sie vor allem im Alltag zer-

mürben.

Die häufigsten Zwangsgedanken und Zwangsvorstellungen

-          Aggressive Zwangsgedanken: 

Befürchtungen, obszöne Gedanken und

Beleidigungen laut von sich zu geben, etwas anderes Peinliches zu tun,

einen Diebstahl zu begehen, sich selber oder andere zu verletzen, z. B. mit

einem Messer, mit dem Auto anfahren (einschließlich Fahrerflucht), Dieb-

stahl, Einbruch, Brandschatzung, andere  gewalttätige oder schrecken-

erregende Vorstellungen.

-          Verschmutzungs-Zwangsgedanken

Sorgen über Schmutz oder Keime,

über Asbest, Strahlen, giftige Abfallstoffe, Reinigungs- und Lösungsmittel,

Insektizide; Furcht, davon krank zu werden; Ekel in Bezug auf körperliche

Ausscheidung wie Speichel, Urin, Kot usw.

-          Sexuelle Zwangsgedanken:

sexuelles Verhalten anderen gegenüber, z. B.

sexuelle Handlungen mit Kindern, homosexuelle Kontakte, „verbotene“ oder

„perverse“ Gedanken, Bilder oder Impulse u. a.

-          Religiöse oder moralische Zwangsgedanken:

übermäßige Beschäftigung

mit Fragen über richtige oder falsche Handlungen, über Moral; ferner die

Befürchtung, Gotteslästerungen zu begehen usw.

-          Zwangsgedanken bezüglich Symmetrie oder Genauigkeit:

etwas könnte schief stehen, schräg hängen, unkorrekt übereinanderliegen, unordentlich aussehen usw.

-          Körperbezogene Zwangsgedanken: 

Besorgnis über Missempfindungen,

Beeinträchtigungen, Störungen, Krankheiten; exzessive Sorgen hinsichtlich

bestimmter Körperteile oder Besonderheiten des Aussehens, z. B. Haare zu

dünn, Nase zu lang, Ohren zu groß usw.

-          Sonstige Zwangsgedanken: 

unbeeinflussbarer Drang, bestimmte Dinge wissen oder ändern zu müssen; abergläubische Befürchtungen; Furcht, bestimmte Dinge zu sagen, zu verlieren, zu tun, zu unterlassen usw.

(Modifiziert nach den Aufklärungs-Broschüren der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen, Katharinenstr. 48, 49078 Osnabrück)

Zwangshandlungen 

Zwangshandlungen sollen häufig die Zwangsvorstellungen neutralisieren.

Nach außen fallen sie durch ihren fast automatisierten Ablauf auf, und weil sie

der jeweiligen Situation völlig unangemessen sind. Am bekanntesten sind die

Kontrollzwänge: Schlösser, Herd, Elektrogeräte, Licht usw. 

Nicht viel seltener sind die Reinigungs- bzw. Waschzwänge:

Händewaschen, Duschen, Baden, Zähneputzen, sonstige Körperpflege, aber

auch Haushalts- und andere Gegenstände.

Schließlich die Wiederholungszwänge: mehrmaliges Lesen, Schreiben oder

Handeln. 

Oder die Zähl-, Ordnungs-, Sammel- oder Aufbewahrungszwänge sowie

verschiedene, den Uneingeweihten reichlich grotesk erscheinenden Zwangs-

handlungen wie der Drang zu reden, zu fragen oder zu bekennen, zu blinzeln

oder anzustarren, Dinge anfassen oder anzutippen, ferner zu reiben, wischen

usw.

Zwangshandlungen

- Reinigungs- und Waschzwänge: unablässige Beschäftigung mit der

Reinigung von Haushalts- oder anderen Gegenständen; exzessives und

ritualisiertes Händewaschen, Duschen, Baden, Zähne putzen, sonstige

Körperpflege; andere Maßnahmen, um Kontakt mit Verschmutzung zu

vermeiden oder zu beseitigen u. a.

- Technische Kontrollzwänge: Kontrollieren von Schlössern, Herd, Elektro-

geräten, Türen, Fenstern, Wasserhähnen, Steckdosen usw.

- Psychosoziale Kontrollzwänge: Kontrollieren, ob man keinen Fehler ge-

macht hat; ob nichts Schreckliches passiert ist oder passieren wird; ob man

sich selbst verletzt hat; ob man andere Menschen verletzt hat (Vorsichts-

maßnahmen ergreifen, dass dies nicht passieren kann) usw.

- Wiederholungszwänge: mehrmaliges Lesen, Rechnen,  Schreiben; mehr-

maliges Handeln: durch die Tür hinein- und hinausgehen, sich auf den Stuhl

setzen und aufstehen (möglichst noch nach bestimmten Ritualen ablau-

fend), Schuhe abputzen, Hände abtrocknen usw.

- Zählzwänge:   zuerst   einfach,   dann   immer   komplizierter   und   damit

zeitaufwendiger, zermürbender, beängstigender, hoffnungsloser.

- Ordnungszwänge: alles und jedes, was sich irgendwie nach Zahl, Rich-

tung, Anordnung usw. ordnen lässt: Kleider, Wäsche, Bücher, Werkzeug,

Büromaterial, Geräte von Garage, Dachboden, Keller usw.

- Sammel- und Aufbewahrungszwänge: alles, was sich einigermaßen

geordnet und überschaubar horten lässt.

- Sonstige Zwangshandlungen: gedankliche Rituale (außer Kontrollieren,

Zählen usw.) wie Gebete, Gedichte, sonstige Texte im Kopf aufsagen,

Melodien nachsummen usw.; exzessives Erstellen von Listen über Alltags-

dinge; unbeeinflussbarer Drang zu Reden, Fragen oder Bekennen; Rituale,

wie Blinzeln oder Anstarren; Haare ausreißen; Drang, Dinge anzutippen,

anzufassen, anzuklopfen, zu reiben, anzupusten, anzustoßen, draufzutre-

ten, zu überspringen usw. (alles aber nicht spielerisch, wie das gelegentlich

bei gesunden Erwachsenen und vor allem gesunden Kindern vorkommen

kann, sondern zwanghaft, peinlich und sich zeitaufwendig wiederholend)

(Modifiziert nach den Aufklärungs-Broschüren der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen, Katharinenstr. 48, 49078 Osnabrück)

Viele dieser Zwänge erschöpfen sich aber nicht nur in der reinen Zwangs-

handlung, sie bauen sich immer raffinierter und dadurch zeitaufwendiger,

mühseliger, schließlich alle Kräfte erschöpfend aus, z. B.: Treppe rauf, Treppe

runter; oder exakt rechts oder links bzw. genau durch die Mitte einer Tür

laufen und wieder zurück; Dokumente haargenau (!) übereinander legen;

Reinigungszwänge nicht nur realistisch, sondern  nach einem bestimmten

Ritual durchführen, also Schuhe dreimal längs, dreimal quer und einmal

diagonal auf der Fußmatte abputzen. Solche, z. T. nicht nur umständlichen

Entlastungsrituale („nur so komme ich zur Ruhe“) sind natürlich nicht nur

lächerlich, sondern können den Betroffenen auch zwischenmenschlich und

vor allem beruflich schaden. Ähnliches gilt für häufiges Händewaschen gegen

AIDS, für „gute Gedanken denken“ oder „Gutes tun, damit den Kindern nichts

passiert“ u. a.

Auch gibt es die sogenannte zwanghafte Verlangsamung mit zeitlupenhaf-

tem Verhalten. Oder Ordnungs- und andere Zwänge, die nur unterbrochen

werden können, in denen man bestimmte Zahlenabfolgen durchrechnet und

sich dadurch kurzfristig befreit - bis der Zwang aufs Neue versklavt (und im

Übrigen die geforderten Entlastungsrechnungen immer komplizierter werden

lässt).

Oder moderne Zwänge, z. B. die zwanghafte Befürchtung im Straßenverkehr

durch  unverzeihliche Unachtsamkeit andere behindert, gar angefahren und

verletzt zu haben, vor allem beim Einparken, Abbiegen, Rückwärtsfahren,

Einfädeln usw. Dies verbunden mit zwanghafter Rückkehr an den „Tatort“ mit

ängstlich-zwanghafter Kontrolle, ob dort nicht ein verletzter Fußgänger, Fahr-

radfahrer, Hund usw. liegt und das ganze gegebenenfalls mehrmals hinter-

einander („vielleicht ist der Verletzte schon in einen Hausgang getragen

worden ...“).

Begleiterscheinungen und Folgen

Zwangsgedanken und Zwangshandlungen nehmen viel Zeit in Anspruch, im

Schnitt zwei Stunden pro Tag, meist mehr. Schon der im Alltag landläufig als

„Perfektionismus“ bezeichnete Drang nach Ordnung kann sehr aufwendig

sein.  Um wie viel mehr eine Zwangsstörung, vor allem wenn sie in ein

sogenanntes Ordnungsritual mit ganzen Programmabläufen eingebunden

ist. Dabei gehört dieses ritualisierte Verhalten zu den häufigsten Verlaufsform

von Zwangshandlungen.

Die Folgen lassen sich leicht vorstellen. Sie beginnen in Partnerschaft und

Familie und belasten schließlich den Freundeskreis, Freizeit, Hobbys und

natürlich den Berufsalltag. Man denke nur an entsprechende Situationen in

Schlaf- und Badezimmer, in Toilette und Küche, im Familienalltag bei Unter-haltungsspielen, Ausflügen, bei Treffen und sonstigen Veranstaltungen, von

beruflichen Komplikationen ganz zu schweigen

Und man stelle sich die Konsequenzen vor: Verwunderung, Irritation, Ärger,

Hohn und Spott, entsprechende Kommentare, Aufforderungen, reizbare bis

aggressive Reaktionen, Beschimpfungen, Verhöhnungen, Beschneidungen,

Verbote, Versetzungen, Herabstufung, Kündigung, Wohnungs-, Orts- und

Arbeitsplatzwechsel, schließlich Rückzug, Isolation, Arbeitsunfähigkeit, finan-

zielle Schwierigkeiten, ggf. Trennung oder Scheidung, sozialer Abstieg usw.

Natürlich muss es nicht zu einem solch traurigen Ende kommen, aber völlig

reaktionslos pflegt die Umgebung ein Zwangsverhalten nicht hinzunehmen,

jedenfalls nicht auf Dauer.

Dabei hatten viele Zwangsgestörte schon vor Ausbruch der Erkrankung ihre

liebe Not mit sich und anderen: Sie sind oft unsicher, entscheidungsschwach,

ambivalent (was ist richtig, was soll ich tun?), haben nicht selten Angst vor

Ablehnung durch andere, verfügen über ein nur geringes Selbstwertgefühl,

sind furchtsam und unsicher (vor allem was Normen betrifft: was „man“ tut),

entwickeln insbesondere Zukunfts- und Risikoängste, sind dabei von depressi-

ven Stimmungen und sexuellen Störungen bedroht

Nach Ausbruch der Zwangskrankheit wird sich dies alles noch verstärken, ein

Teufelskreis von Befürchtungen, „erahnten“ schlimmen Ereignissen und damit

gesteigerten Angstvorstellungen setzt ein.

Beginn und Verlauf

Zwanghaftes Verhalten findet sich häufig schon in der Kindheit. Im Allgemei-

nen geht man davon aus, dass es um das 20. Lebensjahr herum beginnt. In

Wirklichkeit aber dürfte es so sein, dass sich das Zwangsverhalten während

dieser Zeit einfach nicht mehr verheimlichen lässt. Die ersten Anzeichen

liegen tatsächlich weit früher. Auf jeden Fall pflegt sich mit Mitte Dreißig die

Zwangsstörung voll ausgebildet zu haben, also in den sogenannten besten

Jahren. 

Manchmal bricht sie auch erst unter bestimmten Situationen aus, die an und

für sich normal, für den Betroffenen aber irgendwie belastend sind: Schul-

wechsel, Ausbildungsbeginn, die erste intimere Freundschaft, Heirat, Geburt

eines Kindes, berufliche und sonstige Umstellung, Stress- und Überforde-

rungsreaktionen usw.

Wo sich Zwangsstörungen sonst noch finden?

Es gibt Alltagszwänge, die gelten als gerade noch normal oder zumindest

grenzwertig. Dann gibt es krankhafte Zwänge, sogenannte Zwangsstörun-

gen, die man früher bei rein neurotischer Ursache als Zwangsneurose be-

zeichnete. Darüber hinaus gibt es Zwangssymptome auch bei Depressionen,

zum einen bei neurotischen Depressionen, zum anderen bei endogenen, also

biologisch verankerten depressiven Zuständen. Auch bei schizophrenen und

anderen Psychosen sowie bei bestimmten hirnorganischen Leiden (z. B.

Gehirnentzündung oder Gehirnschwund in bestimmten Gehirnregionen) sind

sie nicht selten (siehe die entsprechenden Kapitel).

Entscheidend für die Diagnose ist das jeweilige Beschwerdebild, seine cha-

rakteristischen Symptome und Ursachen, ferner Auslöser, Verlauf und beson-

dere Belastungen.

So   gibt   es   beispielsweise   eine   wichtige   Unterscheidung   zwischen   den

Zwangsgedanken von Patienten mit einer reinen (neurotischen) Zwangsstö-

rung und solchen von schizophren Erkrankten: Auch wenn sich bei ersteren

Zwangsgedanken unwillkürlich aufdrängen und zumeist als sinnlos oder gar

abstoßend empfunden werden, werden sie doch von neurotisch Zwangsge-

störten als ihre eigenen Gedanken erlebt. Dagegen empfinden Schizophrene

solche zwanghaften Gedanken nicht selten als von „außen kommend“ oder

gar als „gemacht“, „gelenkt“ u. a.

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Ein wissenschaftlich umstrittenes Phänomen ist die zwanghafte Persönlich-

keitsstruktur, aus der eine zwanghafte oder anankastische Persönlich-

keitsstörung hervorgehen kann.

Eine Persönlichkeitsstörung ist ein tief eingewurzeltes Fehlverhalten mit ent-

sprechenden zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Konflikten oder

genauer gesagt: Wenn eine Persönlichkeitsstruktur durch (zu) starke Ausprä-

gung bestimmter Merkmale so akzentuiert (in diesem Zusammenhang über-

trieben   ausgeprägt)   ist,   dass   sich   hieraus   ernsthafte   Leidenszustände

und/oder Konflikte für den Betroffenen, vor allem aber für sein Umfeld

ergeben.

Mit dem Konzept der Persönlichkeitsstörung tut man sich seit jeher schwer.

Das äußert sich nicht zuletzt in einer Reihe von bedeutungsgleichen bzw. be-

deutungsähnlichen Fachbegriffen: abnorme, dissoziale, psychopathische Per-

sönlichkeit, Charakterneurose, Soziopathie, früher vor allem Psychopathie

u. a. So gab es zahlreiche und gibt es noch immer eine Reihe von Persönlich-

keitsstörungen, z. B. wahnhafte, hysterische, depressive, asthenische, sensi-

tive, ängstliche u. a. Persönlichkeitsstörungen.

Eine davon ist die erwähnte zwanghafte oder anankastische Persönlichkeits-

störung: Unentschlossenheit, Zweifel, übermäßige Vorsicht als Ausdruck einer

tiefen persönlichen Unsicherheit. Extremer Perfektionismus. Bedürfnis nach

ständiger Kontrolle und peinlich genauer Sorgfalt, was zur Bedeutung der Auf-

gabe aber in keinem Verhältnis steht und bis zum Verlust des Überblicks führt.

Übermäßige Gewissenhaftigkeit, Skrupelhaftigkeit und unverhältnismäßige

Leistungsbezogenheit, dabei Vergnügen und zwischenmenschliche Beziehun-

gen vernachlässigend. Unfähig oder nur mangelhaft befähigt, warmherzige

Gefühle zu zeigen. Starrheit und Eigensinn, wobei sich die anderen den eige-

nen Gewohnheiten unterordnen sollen. Beharrliche und unerwünschte Gedan-

ken und Impulse, die allerdings nicht den Schweregrad einer Zwangsstörung

erreichen. Schließlich das Bedürfnis, alles frühzeitig, detailliert und dann auch

unveränderbar vorauszuplanen.

Die   zwanghafte   oder   anankastische   Persönlichkeitsstörung   ist   weiter

verbreitet als man denkt. Die Betroffenen leben in der Vorstellung, vollständig

im Recht zu sein.    Ein ausgeprägter Leidensdruck besteht nur selten (im

Gegensatz    zur    eigentlichen    Zwangskrankheit).    Dafür    tun    sich    die

Mitmenschen im engeren und weiteren Umfeld umso schwerer, je nach dem,

wie ausgeprägt man von einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung abhängt

(Partnerschaft, Familie, Arbeitsplatz).

Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter

Zwangsstörung sind auch im Kindes- und Jugendalter nicht selten. Die

meisten vergehen wieder von allein, einige aber beschweren den Rest des

Lebens. Deshalb nachfolgend eine komprimierte Übersicht:

Leichtere, nicht behandlungsbedürftige Zwangsphänomene gibt es auch im

Kindes-, vor allem aber Jugendalter durchaus nicht selten (bis zu einem Fünf-

tel?): sich vor „Unglückszahlen“ hüten, bestimmte Steine und Treppenstufen

betreten oder meiden, besondere Fragen ständig wiederholen, immer wieder-

auftretende Rituale des Zu-Bett-Gehens, sich ständig wiederholende Spiel-

abläufe, Musik- und Malerei-Motive usw. Daneben findet sich aber auch schon

während    dieser    Phase    eine    ungewöhnliche    Neigung    zu    Ordnung

(Arbeitsmaterialien, Schule) und Sauberkeit (besonders Händewaschen).

- Die extreme Steigerung derartiger Handlungen oder Gedanken, charakteri-

siert durch Zeitaufwand, unnötige Mühsal, beeinträchtigte Lebensqualität und

schließlich Leidensdruck, sind dann die folgenden Zwangsgedanken und

Zwangsvorstellungen: sinnlose Ideen, Zahlenreihen oder Sätze, vielleicht

sogar belastende Vorwürfe; ferner - wie bei den Erwachsenen - die quälende

Frage, ob Türen, Lichtschalter oder Geräte ausreichend kontrolliert wurden

sowie die bekannten Sauberkeitsbefürchtungen und Zwänge (Verschmutzung,

Verseuchung, Vergiftung), bisweilen sogar Katastrophenängste („Angehörigen

Schlimmes passiert?“).

- Bei den kindlichen Zwangshandlungen belasten vor allem die

Reinigungs- (insbesondere  exzessives Händewaschen)  und

Wiederholungszwänge (rein und raus, bestimmte Buchstaben im Schulheft

durchstreichen), die Kontrollzwänge (Nachprüfen von Türen, Schlössern,

Hausaufgaben), die Ordnungs-, Zähl- und Sammelzwänge sowie ständig

wiederholte Fragen. Charakteristisch sind auch sogenannte kindertypische

Zwänge im Sinne überflüssiger Symmetrieanordnungen wie z. B. gleich lange

Schnürsenkel, parallel gebürstete Augenbrauen, exakter Scheitel usw.

Zwangskranke Erwachsene und zwangskranke Kinder quält letztlich das glei-

che Phänomen: „Du kannst und darfst deinem gesunden Menschenverstand

und deinen fünf Sinnen nicht trauen, die dir sagen: Alles ist verschlossen und

sauber. Du musst nochmals kontrollieren und zur Beruhigung in Gedanken

Zahlenreihen wiederholen. Du darfst dem Impuls nicht widerstehen, dich stän-

dig zu waschen.“ Die Zweifel hören niemals auf und drängen alles andere im

Leben zurück, besetzen es voll und ganz. 

Wenn man versucht, mit Hilfe anderer Gedanken oder Handlungen etwas Luft

zu bekommen („mein Zahlensystem hält die Zwänge in Schach“ oder „ich

muss aggressiv sein, sonst nehmen die Zwänge überhand“) gibt es tatsächlich

Entlastung, aber nur kurz. Dann geht alles von vorne los. Wer sich dagegen

stemmt, muss mit Unruhe, Angst, Anspannung, eventuell sogar mit Zittern und

Schweißausbrüchen bezahlen. Zuletzt kommt noch die Angst vor der Angst

und schließlich eine alles verdüsternde Niedergeschlagenheit hinzu. Da kehrt

man lieber wieder zu Zwanghandlungen zurück. Der Widerstand erlahmt, man

scheint seine Ruhe zu haben, in Wirklichkeit ist man definitiv zum Opfer ge-

worden.

Auch droht durch die sinnlosen Zwangsrituale ein unabänderlicher Kräftever-

schleiß, der zuletzt in Erschöpfung und Regenerationsunfähigkeit endet. Dazu

kommt der psychosoziale Teufelskreis in Familie und Schule, was zu zusätz-

lichen Beeinträchtigungen führt: Der zwanghaft Handelnde ist resigniert,

deprimiert, unglücklich, besitzt ein nur geringes Selbstwertgefühl, ist unsicher,

ständig in Angstbereitschaft, schließlich drohen Rückzug und Isolation.

Warum eine Zwangskrankheit so spät erkannt wird  

Zwanghaftes Verhalten findet sich oft schon in der Kindheit, hieß es zu Beginn

dieses Beitrags. Viele Kinder- und Jugendpsychiater sind sogar der Meinung:

Die meisten (!) Zwangsstörungen beginnen bereits im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter, manchmal sogar schon im Kindergarten. Etwa die Hälfte der   erwachsenen   Zwangskranken   soll   sich   rückblickend   an bestimmte Zwangsmerkmale im Kindesalter erinnern.Doch in jungen Jahren lässt sich das noch besser verbergen als später. Es kann Monate, ja Jahre dauern, bis es die Eltern und Geschwister bemerken. Schulkameraden und Lehrern bleibt Zwangsverhalten meist verborgen, weil es vertuscht wird, so lange es geht. Viele Eltern sind deshalb verwirrt, dass ihr Kind die Zwänge in der Schule oder bei Freunden unterdrücken kann, zu Hause aber nicht mehr zu kontrollieren vermag. Doch die Kontrolle ist so anstrengend, dass dafür zu Hause keine Kraft mehr verfügbar ist, man lässt sich „gehen“, um wenigstens in Schule und Freundeskreis nicht aufzufallen (wie übrigens später im Erwachsenenalter auch: dort kämpft man vor allem um eine möglichst lange Vertuschung am Arbeitsplatz).

Doch nach und nach ist auch das nicht mehr möglich. Manchmal wechseln die

Zwänge, manchmal weiten sie sich aus. Meist dominiert ein spezieller Zwang

über Monate und Jahre hinweg. In jungen Jahren ist das in der Regel ein

Waschzwang, der allerdings auf Dauer besonders schlecht verheimlicht wer-

den kann.

Immerhin sollen über die Hälfte der Kinder und Jugendlichen mit Zwangsstö-

rungen schon Jahre vor Ausbruch des eigentlichen Leidens bestimmte Ver-

haltensmerkmale aufweisen, die zumindest einen gewissen Hinweiswert

haben: besondere Starrheit im Verhalten, charakteristische Wiederholungsritu-

ale (z. B. immer den gleichen Weg nehmen zu wollen) usw.

Wie es nach Krankheitsbeginn in jungen Jahren weitergeht, ist schwer voraus-

sagbar. Bei den einen kommt es zur spontanen Besserung (etwa ein Drittel?),

bei den anderen belastet es ein Leben lang (jeder Fünfte?). Die Mehrzahl

weist aber auch im späteren Leben wenigstens leichtere Zwangsmerkmale

auf. Einfach haben es die Betroffenen deshalb auch in Zukunft nicht, vor allem

im zwischenmenschlichen (Partnerschaft, Familie,  Freundeskreis,

Nachbarschaft) sowie im beruflichen Bereich.

So leben nicht wenige auch später noch bei ihren Eltern, zuletzt schließlich

allein und haben kaum dauerhafte Beziehungen und vor allem wenig beruf-

lichen Erfolg. Die Zwänge kosten einfach zuviel Zeit und Kraft. Deshalb ist

eine rechtzeitige Diagnose und konsequente Therapie so unerlässlich, will

man wenigstens einen Teilerfolg sichern.

Wie erklärt sich eine Zwangsstörung?

Die Frage, wie man sich solche Zwänge erklärt, von der dezenten Beeinträch-

tigung bis zur ruinösen Zwangskrankheit, ist (noch) nicht befriedigend zu be-

antworten. Man nimmt an, dass es sowohl biologische, also vor allem erbli-

che, als auch lern- und lebensgeschichtliche Aspekte sind, die hier zu-

sammenkommen.

Zunächst lässt sich das Phänomen der Zwänge erst einmal auch ohne krank-

haften Bezug sehen: Deshalb sind - wie mehrfach erwähnt – bestimmte

Zwänge im Sinne einer disziplinierten Leistung, vor allem im Berufsleben,

nicht   grundsätzlich   falsch.   In   einigen   Berufszweigen   gehören   sie   zur

Voraussetzung und entscheiden über Erfolg oder Misserfolg, im Einzelfall

sogar über Sicherheit oder verhängnisvolle Kontrollmängel im Sach- und

Personenschutz.

So hat z. B. niemand etwas dagegen einzuwenden, wenn ein Auto- oder Flug-

zeugmechaniker,   ein   Arzt   oder   Richter,   ein   wissenschaftlicher   oder

technischer Kontrolleur genau, ja perfektionistisch oder gar zwanghaft vorgeht

- besonders dann, wenn es sich um unsere eigenen Sicherheitsbelange

handelt.

Selbst „krankhaft übersteigerte zwanghafte Verhaltensweisen“ können für den

Betroffenen noch positive Elemente enthalten, zumindest scheinbar bzw. zeit-

lich begrenzt. So können Zwänge dazu dienen, allgemeine und spezifische

Ängste im Alltag, z. B. vor anderen Menschen, vor Überforderung, in partner-

schaftlichen und familiären Konflikten zu mildern. Wenn man seine ganze

Kraft und Aufmerksamkeit auf das „korrekte Abwickeln“ von Zwängen richtet,

kann man solche Problembereiche ggf. besser auf Distanz halten oder

überhaupt   ausblenden.   Das   Gleiche   gilt   für   Gefühle   von   Resignation,

Niedergeschlagenheit,   Hoffnungslosigkeit   u. a.,   die   durch   Zwangsrituale

kurzfristig zu mildern sind. Schließlich ist man so beschäftigt, abgelenkt oder

absorbiert, dass man sich nicht mehr völlig ungeschützt und damit hilflos mit

Gefühlen   von   Einsamkeit,   Unsicherheit,   mit   Konflikten,   Forderungen,

Vorwürfen usw. auseinandersetzen muss.

Manchmal dienen Zwänge auch als Protestreaktion gegen (übermächtig

empfundene) Eltern, Lehrer, Partner, Vorgesetzte, Arbeitskollegen usw. Die

eigenen Zwänge werden zu „Gegen-Zwängen“ gegen den Zwang von außen,

und dienen damit indirekt dem Ausdruck von Ärger, Wut, Enttäuschung, Hilf-

losigkeit. Kurz: Manche Zwänge scheinen für die Betroffenen wichtige „Hilfs-

mittel“ zu sein, um scheinbar unbewältigbare Probleme zu lösen, zu verdrän-

gen oder zumindest auf Distanz zu halten.

Manchmal dienen sie sogar der Neutralisation von Aggressionen, wenn alle

anderen Bewältigungsstrategien zu versagen drohen. Und mit dem Vollzug

des zwanghaften Rituals, das viel Zeit kostet, beweist sich der Betroffene viel-

leicht sogar die Notwendigkeit seines Tuns: Wenn solche Anstrengungen zur

Erlangung von Sauberkeit, Ordnung, Sicherheit und Kontrolle nötig sind, muss

dies doch einen ernsthaften Grund haben.

Weitere Erklärungsversuche beziehen sich auf folgende Aspekte:

- Lerntheoretisch sind es vor allem der elterliche, schulische und religiöse

Erziehungsstil sowie frühere und aktuell belastende Lebensereignisse (Tren-

nung, Tod, Scheidung, Partner- und Berufskonflikte), die bei der Entstehung

von Zwängen eine wichtige Rolle spielen können. Man hofft, keinen Fehler zu

machen, nicht abgelehnt oder kritisiert zu werden, wenn man z. B. besonders

genau, ordentlich und zuverlässig ist. Vielleicht hofft man auch drohende

Katastrophen   und   die   damit   verbundenen   Befürchtungen   durch   Rituale

bannen zu können, erst eher spielerisch, später immer zwanghafter.

Bald werden die ursprünglichen Gründe aber immer unwichtiger, schließlich

völlig vergessen. Was bleibt, sind Zwangsgedanken, Zwangsbefürchtungen

und Zwangshandlungen, damit man sich besser fühlt. Hört man damit auf,

wird man plötzlich ängstlich, unsicher hilflos und einsam.

- Psychoanalytische Erklärungsversuche begreifen die Zwänge vor allem

als Abwehrmaßnahmen gegen „verbotene Impulse aus dem Unbewussten“,

wobei sich auch hier die Rituale - vorerst - als Hilfe im Umgang mit negativen

Gefühlen anbieten.

- Bezüglich der biologischen oder treffender biochemischen Ursachen

scheint es sich am ehesten um eine neurobiologische Störung im Zusammen-

spiel bestimmter Botenstoffe des Gehirns (z. B. Impulsübertragung an den

Nervenbahnen)   zu   handeln.   Diese   Hypothese   wird   auch   durch   die

Wirksamkeit bestimmter Arzneimittel gestützt.

- Und schließlich scheint sogar eine Vererbung, zumindest aber die Weiter-

gabe einer gewissen Disposition oder „Verwundbarkeit“ nicht auszuschließen.

Über die genauen genetischen Mechanismen weiß man aber noch wenig.

Therapie der Zwangsstörungen

Zwangskranke galten früher als nicht (zumindest erfolgreich) behandelbar,

wenn nicht gar als „verloren“. Die meisten bekamen im Übrigen überhaupt

keine Behandlung. Bei anderen wurden die Heilungsaussichten als so

ungünstig eingestuft, dass sich die Psychiater und Psychologen um diese

Patienten therapeutisch nicht gerade rissen. Das hat sich geändert. Allerdings

ist auch heute noch der Leidensweg vom Krankheits- bis zum Therapiebeginn

ungewöhnlich lang. Man spricht von bis zu sieben Jahren!

Grundsätzlich gilt inzwischen auch hier: Mehrere Therapieansätze sind ge-

meinsam erfolgreicher als nur wenige oder gar nur ein einziger.

Das heißt konkret:

- Die Psychotherapie ist unerlässlich, kommt aber immer noch am seltensten

zustande. Es fehlt an entsprechend ausgebildeten Psychotherapeuten (meist

Nervenärzte, Psychiater oder Ärzte für Psychotherapeutische Medizin und

Psychologen) bzw. an freien Behandlungsplätzen - und auch an Geduld und

konsequenter Mitarbeit seitens vieler Betroffener.

Am günstigsten scheint sich die Verhaltenstherapie mit einem strukturierten

Behandlungskonzept zu stellen (Exposition in der Phantasie bzw. in Wirklich-

keit, Bewältigungsstrategien, realistische Neubewertung zuvor ängstigender

Situationen, sogenannte kognitive Ansätze usw.).

Aber  auch   tiefenpsychologische   sowie   andere   psychotherapeutische

Verfahren kommen erfolgreich zum Einsatz.

- Wichtig ist auch die Familienberatung und das sogenannte

„Selbstmanagement“, das auch in Zukunft und vor allem später alleine dazu

beitragen soll, in konfliktreichen Situationen und bei den ersten Anzeichen von

zwanghaften Reaktionen auf die erlernten Bewältigungsstrategien zurück-

zugreifen.

- Vor allem versucht man immer häufiger die Selbsthilfe zu stärken. Dabei

wirken die entsprechenden Hinweise und Tipps manchmal geradezu schlicht,

was aber ihrer Wirksamkeit  keinen  Abbruch  tut. Beispiel:  Bei

Zwangsgedanken wird in der Regel als erstes gewaltsam versucht, diesen

oder jenen Gedanken nicht zu denken. Doch das ist zwangsläufig zum

Scheitern verurteilt. Der aktive Versuch des „Nichtdenkens“ enthält ja bereits

den Gedanken an das, woran man nicht denken möchte. Hier ist das

Loslassen wirkungsvoller. 

Wichtig ist es auch, scheinbar unsinnigen, beschämenden oder aggressiven

Gedanken ihren Krankheitswert zu nehmen, indem man sie einfach nicht als

unsinnig, beschämend oder aggressiv einstuft, zumindest die Mehrzahl von

ihnen. Viele Zwangspatienten gehen irrtümlich davon aus, dass „nur sie

solche scheußlichen Gedanken haben“ oder empfinden am Schluss alles

beschämend oder aggressiv. Das stimmt natürlich nicht und mündet nur in

Resignation und Hoffnungslosigkeit.

- Schließlich bleibt noch die Pharmakotherapie. Sie leuchtet zwar bei dem

„rein seelischen Leiden der Zwangsstörungen“ auf den ersten Blick am

wenigsten ein, wird aber inzwischen am häufigsten praktiziert und weist vor

allem auch ermutigende Erfolge auf. Krankhafte Zwänge sind durchaus medi-

kamentös beeinflussbar, und zwar vor allem durch eine Reihe stimmungs-

aufhellender Antidepressiva, insbesondere durch bestimmte trizyklische Sub-

stanzen, Serotonin-Wiederaufnahme- und Mono-Amino-Oxidase-A-Hemmer. 

Allerdings darf man dabei nicht zu schnell die Geduld verlieren. Diese Arznei-

mittel (die, nebenbei gesagt, alle nicht süchtig machen, ein häufiger und ver-

hängnisvoller Trugschluss!) müssen lange Zeit eingenommen werden, d. h.

viele Monate, bis sich ein erster Erfolg abzeichnet. Kurzfristig ist bei Zwangs-

störungen ohnehin nichts zu machen. Bei allen seelischen Störungen ist

Geduld gefragt, für Zwangsstörungen gilt dies ganz besonders.

Auf jeden Fall muss man die therapeutische Erkenntnis der letzten Jahre be-

rücksichtigen, die besagt:

Die   besten   Erfolge   hat   man   bei   einer   Zwangsstörung   durch   einen

sogenannten Gesamt-Behandlungsplan, also die Kombination aus

Psychotherapie, Pharmakotherapie, Familienberatung und Selbstmana-

gement.

Hilfe durch die Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen:

Die meisten seelischen Störungen sind eine schwere Bürde, schwerer und fol-

genreicher als die Mehrzahl körperlicher Erkrankungen. Glücklicherweise hat

sich hier vieles gewandelt. Vor allem der Trend zum erwähnten Gesamt-

Behandlungsplan, also einer Kombination aus mehreren Therapiemaßnahmen

wie Psychotherapie, Pharmakotherapie, soziotherapeutischen Hilfen, Selbst-

behandlungsmaßnahmen usw. hat zu eindrucksvollen Fortschritten in der

Therapie geführt.

Einen erheblichen Anteil daran haben aber auch die Angehörigen- und Selbst-

hilfegruppen. Für die Zwangsstörungen ist es besonders die Deutsche

Gesellschaft für Zwangserkrankungen, die vor allem mit wichtigen Informa-

tionen auf verschiedenen Ebenen weiterhilft.

Hinweise für Angehörige

Allgemeine Aspekte

- Leichtere Alltagszwänge sind häufig. Fast jeder kennt sie, amüsiert oder

ärgert sich darüber, kann sie aber steuern, neutralisieren oder lernt sie auf

andere Weise zu beherrschen. Manche Zwänge haben auch eine durchaus

sinnvolle Funktion, z. B. einmöglichst genaues Kontrollverhalten in Technik,

Medizin, Wissenschaft.

- Zwangsstörungen oder Zwangskrankheiten hingegen, die an Zahl und

Bedeutung zunehmen, sind alles beherrschende Erlebnisse, die von den

Betroffenen selber zwar als unsinnig oder zumindest unangemessen er-

kannt werden, aber man ist machtlos gegen sie. Meist äußern sie sich in

Zwangsgedanken, Zwangsvorstellungen und schließlich auch in Zwangs-

handlungen.

Konkrete Fragen und Hinweise

Welches sind die häufigsten Beeinträchtigungen, wie kann man sie rechtzeitig,

z. B. schon im Kindes- und Jugendalter erkennen, was steht dahinter? Und

was kann man tun? Nachfolgend einige Fragen und Hinweise:

- Gibt es zwanghaftes Verhalten in der eigenen Familie, zum Beispiel bei

Vater, Mutter, Geschwistern, Großeltern (väterlicher- und mütterlicherseits),

bei Onkeln, Tanten u. a.?

- Gibt es zu hohe Ansprüche und Anforderungen an den Betroffenen? Z. B.

im Kindesalter: „perfekt, Leistung und Sauberkeit?“

- Gibt es irgendwelche Belastungen, Konflikte, Überforderungen, die vom Be-

troffenen als wichtig bis belastend interpretiert werden, während sie den

Außenstehenden gar nicht so ernsthaft erscheinen?

Was sollte man vermeiden?

Appelle an den „gesunden Menschenverstand“ oder die Willenskraft bringen

bei einer, selbst erst beginnenden Zwangsstörung nichts. Im Gegenteil: Sie

belasten nur durch Schuldgefühle.

- Die betreffende Person bei den Zwängen nicht unterstützen, d. h. keine

Zwangskontrollen usw. abnehmen, das stabilisiert nur die Zwänge. Dies

auch dann unterlassen, wenn die Beteiligung von Eltern, Geschwistern,

Freunden, Arbeitskollegen usw. an beispielsweise Kontrollzwängen nach-

haltig, schließlich verzweifelt, aggressiv oder wütend gefordert wird. Nicht

den eigenen Alltag von den Zwängen des Patienten bestimmen lassen.

Grenzen aufzeigen, ohne selbst aggressiv zu reagieren.

- Anerkennung und Zuwendung signalisieren, wenn Fortschritte gemacht

werden.    Bei    Rückfällen    nicht    tadeln,    denn    Schwankungen    im

Zwangsverhalten sind üblich.

(Modifiziert nach entsprechenden Informationen der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen.)

Ausblick

Zwangskranke leiden häufig unerkannt schon in jungen Jahren und später oft

genug das ganze Leben unter ihren Zwangsgedanken, Zwangsvorstellungen

und Zwangshandlungen. Der eine mehr, der andere weniger, aber die meisten

doch wohl so, dass ihre Lebensqualität leidet. Nicht wenige sind auch zwi-

schenmenschlich und beruflich benachteiligt, d. h. Partnerschaft, Familie,

Freundeskreis, Arbeitsplatz bzw. Karriere.

Die Mehrzahl aller Betroffenen dürfte sich noch nie mit einem Arzt oder

Psychologen in Verbindung gesetzt und deshalb auch nicht erfahren haben,

dass es - im Gegensatz zu früher - heute sehr wohl Möglichkeiten gibt, dieses

zugleich aufreibende und lähmende, auf jeden Fall beeinträchtigende bis quä-

lende Krankheitsbild zu mildern, am besten im Rahmen eines Gesamt-

behandlungsplanes durch  Psycho- und Pharmakotherapie sowie gezielte

Selbsthilfemaßnahmen. Dazu gibt es inzwischen auch erfolgsversprechende

Empfehlungen, wie sie beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Zwangs-

erkrankungen weitervermittelt. 

So gesehen kann man - wie bei den Depressionen und Angststörungen auch -

inzwischen behaupten: Eine Zwangserkrankung ist kein unabänderliches

Schicksal mehr. Man kann etwas dagegen tun. Nur: Man muss sich möglichst

frühzeitig informieren, die jeweiligen Angebote nutzen und natürlich etwas

Geduld entwickeln. Es lohnt sich.

(Aus: Prof. Dr. med. Volker Faust:

http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/zwangsstoerung.html )

 

Im Rahmen unserer Familienberatung bieten wir Ihnen Hilfe an. Nutzen Sie dazu bitte das Kontaktformular

Tel.:   0172-570 785 2   

 

 

 

 

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